Florian
Kronbichler


Der Mann mit Eigenschaften

Wer war Tosolini? Der märchenhafte Aufstieg des Uomo qualunque zum reichsten Südtiroler. Florian Kronbichler zum Tod des Bozner Immobilienkönigs.

Saßen sie im Grandhotel Palace in Meran beieinander: Jacques Chirac, Staatspräsident von Frankreich und zu der Zeit bereits Ex, Landeshauptmann Luis Durnwalder, noch im Amt, Pietro Tosolini, Besitzer des Palace, und Henry Chenot, Wunderdoktor dort. Das Gespräch kam auf die Politik, und Chirac wollte irgendwann von Durnwalder wissen, wie das so gehe zwischen dem deutschen Südtirol und dem italienischen Staat. Durnwalder erzählt das Eine und Andere und bringt die Machtverhältnisse schließlich folgendermaßen auf den Punkt: „Die momentane Regierung verfügt über eine Mehrheit von zwei Sitzen im Parlament. Und wir haben drei.“ Der Franzose muss gar nicht warten, bis ihm Chenot die Durnwalder-Rechnung übersetzt hat, und bricht in helles Lachen aus. „Comfortable, comfortable!“, kommentierte er.

Das Episödchen hat mir Pietro Tosolini vor Jahren am Rande der Eröffnung des Domschatzes in der Bozner Probstei erzählt. Der Mann konnte also auch witzig sein. Es ist wenig bekannt von dem Mann, der am Allerheiligentag mit 90 Jahren starb. Mehr als eine Bekanntheit war er ein Gerücht. Der Mythos seiner selbst. Tosolini, das war der mit den unendlich vielen, unendlich leerstehenden Häusern; der Immobilien-Mogul, der alles und jeden aufkauft; das Gespenst, das mit jedem Milliardengeschäft der Stadt in Verbindung gebracht wurde; der eigentliche Benko Südtirols, viel größer und mächtiger als jener andere dieses Namens. Wurde über das Schicksal eines freiwerdenden Grundstücks, eines Stadtpalastes, einer Industriebrache spekuliert, die erste Frage war immer: „der Tosolini?“ Allein die Nennung „der Tosolini!“ hatte am Bozner Immobilienmarkt schon preistreibende Wirkung. „Sonst kauft’s der Tosolini!“, war so ein erpresserisches letztes Angebot. Es musste nicht wahr sein, es hatte Wirkung. Wer ist der reichste Mann von Südtirol?, fragte ich einmal für die ff den Landeshauptmann Durnwalder: „Wird woll der Tosolini sein!“, schnarrte er zurück, als würde die Frage sich verbieten.

Er war ein König Midas von Südtirol und wahrscheinlich bis hinunter nach Verona. So wie dieser Sagenfigur der griechischen Antike wurde auch dem Bozner Multi-Unternehmer alles, was er anrührte, zu Gold. Die Leute nannten ihn so wie er sich selber „il geometra“. Der Reiz des Titels rührt aus der Zeit her, als der Geometer noch höher geschätzt war als der Ingenieur und auch der Ragioniere mehr als der Dottore. „C’è il geometra“, flüsterte der Telefonist der Tageszeitung Alto Adige (als diese noch ihm gehörte), wenn ein Redakteur nicht wollte, dass ihm Anrufe durchgestellt werden. Und jeder Widerstand war gebrochen. Der Geometra sprach wenig, aber nie umsonst. Sein Besitz wird in diesen „Tagen danach“ allseits abgezählt und ausgebreitet, so dass es hier Autor und Lesern erspart bleibe. Er ist unüberschaubar.

Was für seltsame Gestalt, dieser Tosolini. Die meisten Biografen suchen die Erklärung in seiner trentinische Herkunft, der nonstalerischen genau genommen. Die Nonesi, so heißen ihre Bewohner, gelten als die Pusterer des Trentinos: geschäftstüchtig, strebsam, organisationsfähig. Im Zusammenhang mit dem erfolgreichen Sohn des Tales fällt gelegentlich der Ausdruck „Noneso-Kapitalismus“. Klingt geschwollen, erklärt an der Person Tosolini aber manches. Gemeint ist damit jene trentinische, besser noch tridentinische Mischung aus caritativer Religiosität und wirtschaftlichem Schaffen ohne aufzufallen. Am besten trifft es das trentinische Dialektwort „mucciare“. Es leitet sich von mucchio ab, dem Haufen, und ammucchiare, anhäufen. Reichtum anhäufen als moralische Pflicht. Tosolini hat es in dieser Tugend zu höchster Meisterschaft gebracht. Ist darin fast Calvinist geworden: Wirtschaftlicher Erfolg ist Ausdruck von Gottgefälligkeit.

Tosolini war religiös zeitlebens einfacher Kirchgänger und politisch einfacher Christdemokrat. Politisch noch mehr als religiös ist ihm halt mit der Zeit seine Kirche abhandengekommen. Mit den Vätern der Südtiroler DC, Berloffa, Ferretti, Bolognini, vor allem aber Giorgio Pasquali, verband den Großunternehmer noch das Verhältnis einer Glaubensgemeinschaft. Im historischen Abstand darf gesagt werden, er hat sie gesponsert. Bürgermeister Salghetti war der Letzte, den Tosolini als „meinen politico di riferimento“ nannte. Danach ging er, so wie seine italienischen Landsleute auch, zum Durnwalder direkt. Er gestand, auch sich selber um 6 Uhr früh in die Warteschlange vor dem Landhaus angestellt zu haben.

Wie bei einer anderen bekannten großen Bozner Unternehmerfamilie verschränkten sich auch bei Tosolini die geschäftliche und religiöse Hand ziemlich eng, nur taten sie es bei ihm diskreter. Sein caritatives schlechte Gewissen, so er ein solches hatte, arbeitete er ab mit stillen, jedoch beträchtlichen Geschenken an die diversen Pfarren der Stadt, auch an Kulturvereine und Hilfsorganisationen. Der bestbediente Bittsteller dürfte Don Giancarlo Bertagnolli gewesen sein, sein Nonstaler Landsmann und Vater des Hilfsvereins La Strada – der Weg. Mit den Patres des Klosters Muri Gries verband ihn ein Vorzugsverhältnis. Der seinerzeitige Abt Benno Malfér, selber gern von ökonomischer Kompetenz, und der Geometra, später Commendatore, paschten so manchen Immobilien-Kauf und -Tausch aus. Immer zu beiderseitigem Wohl und Frommen, ist anzunehmen. Mit den Geschäftspartnern, seien es nun Bauern, Patres, Staat oder Land, in gutem Einvernehmen zu bleiben, war ein weiterer Baustein des Tosolini-Systems. Der Baulöwe trat selten als solcher auf. Alberto Stenico, ehedem Bauarbeiter-Gewerkschafter des Agb/Cgil, sagte schon zu Zeiten härtester Arbeiterkämpfe, von allen Baustellen im Land seien jene der Habitat, Tosolinis Bau-Zweig, „die ordentlichsten“ gewesen.

Wie Tosolini zu seinem Reichtum gekommen ist? Eben durch „mucciare“, Anhäufen. Er machte Geschäfte und sparte. Kaufte und sparte. Sein Vorrat an Liquidität war legendär, und wie immer: Wer bar bezahlen kann, macht das Geschäft. Der alte Rockefeller habe auf die Frage nach dem Geheimnis seines Reichtums geantwortet: „to not spend“. Nicht ausgeben. Es könnte von Pietro Tosolini sein. Wie viele Paläste in der Stadt er leer herumstehen hat, wie viele Straßenzüge er aufkaufte, er selber managte sein Imperium bis zuletzt vom bescheidenen Büro im Parterre eines Kondominiums in der Roenstraße aus, unterstützt oder kommandiert, je nach Sicht, von der mythischen Sekretärin Marisa. Der Führungsstil glich eher dem eines Erbhofbauern als eines Konzernbosses. Ums kleinste Detail kümmerte er sich. Einen öffentlichen Tosolini gab es nicht. Und privat, nicht zu denken, dass er in eines seiner Palais am Musterplatz oder an der Freiheitsstraße umgezogen wäre. Nix Ferrari, nix Mondänität, bis zuletzt wohnte er im Einfamilienhaus an der Gabelung Mendel-Penegalstraße, mehr an der Straße als im Grünen, an der Türklingel: Geom. Pietro Tosolini. Sonntags nach dem Kirchgang in Gries fuhr er mit Vorliebe in seinem Mercedes, älteres Baujahr, nach Jenesien, um auf dem Salten zu wandern.

Ein Tosolini-Porträt wäre beschönigend, bliebe es ohne ein Wort zu seinen wahrscheinlich Hunderten leerstehender Wohnungen, Räume, ja ganzer Siedlungen. Ein städtebauliches wie soziales Ärgernis in Bozen ist das. Es ließe sich nun nach der Verantwortung von Land- wie Stadtverwaltung fragen, die solchem Skandal seit Jahren untätig oder scheinbar ohnmächtig zusehen. War Tosolini schon zu mächtig, als dass er von der Politik noch in Schranken gewiesen werden kann? Vermutlich ja. Stellen wir hier aber die praktischere Frage: Rechnete es sich für Tosolini, seine Immobilien jahrelang, teils jahrzehntelang leer herumstehen zu lassen? Es ist ein Bozner Absurdum und lautet: ja. In Bozen, dieser Stadt der höchsten und ständig steigenden Immobilienpreise, lohnt es sich, Immobilien leer, Makler sagen: „verfügbar“ zu halten. Sie vermehren ihren Preis verlässlich weiter. Unabsehbar weiter. Voraussetzung: Der Eigentümer hat Zeit, kann warten. Bozens Wohnungsnot wächst unabsehbar. Das System Tosolini kann unabsehbar warten und zusehen, wie der Wert seiner „verfügbaren“ Immobilien steigt. Übervater Pietro hinterlässt seine Frau und vier Kinder.


Flor now
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